Eigentlich bin ich nicht so ganz sicher, ob ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen kann, angesichts der von mir befürchteten Auswirkungen, aber wie ich gestern unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit in Erfahrung bringen konnte, sind die Tage der Digitaltechnik gezählt! Ja, wirklich! Die in Castrop-Rauxel ansässige Firma ‘Cybertron’ hat eine revolutionäre Entdeckung gemacht. Einschlägige Untersuchungen des Verhaltens von Schwingungsteilchen in einem Vakuum in Verbindung mit einem verblüffenden Speichervermögen gipfelten nun in einer geheimen Pressekonferenz (ein Widerspruch in sich...), die als Geburtsstunde der protonalen Signalverarbeitung und Speichertechnik in die Geschichte eingehen wird! Der Protonen-Container, kurz ‘Procon’, prinzipiell der technologische Nachfolger der Festplatte, verfügt über eine Kapazität, die sich in Terrabyte gar nicht sinnvoll ausdrücken läßt. Und die klangliche Qualität dieser neuen Speichertechnologie ist so authentisch, davon konnte ich mich selbst überzeugen, daß gemessen an digitalen Maßstäben selbst eine Abtastrate von einigen Megahertz bei einer Auflösung von 48 Bit nicht reichen würde, um nur annähernd in die qualitative Gegend dieser sensationellen Entwicklung zu gelangen. Und eigentlich habe ich es ja auch immer schon gewußt: die eiskalt berechnende Mathematik als Basis für die Darstellung kreativer Künste? Jedes Kind weiß doch, daß schon in der Schule der Klassenbeste in Mathe über eine wenig ausgeprägte musische Begabung verfügte... Jetzt, wo es heraus ist, kann ich mich ja auch einmal ganz ungeniert äußern. Einige Teilnehmer der Pressekonferenz haben übrigens bereits mit dem Aufkauf früher 16-Bit-Wandler begonnen, in der Hoffnung, man werde sich eines Tages nach deren harscher Klangcharakteristik mit dem typischen Granularrauschen zurücksehnen, der Folge eines sozusagen ‘globalen Rechenfehlers’. Noch nie wurde uns eine Technologie auf derartig verwerfliche Weise in kleinen, teilweise regelrecht unappetitlichen Happen aufgezwängt. Doch jetzt sehen wir endlich Licht am Ende des Tunnels. Die protonale Aufzeichnung wird uns in ein Fantasialand reinster Klangästhetik entführen. Sicher, die neue Protonen-Vakuum-Technik befindet sich derzeit noch in einem frühen Prototypenstadium, doch schon in einem halben Jahr werden die ersten Geräte der neuen Generation auf den Markt kommen. Mit der Erstauflage der Software (ohne digitale Steuerung geht es leider auch hier nicht) wird man bereits in der Lage sein, kurze Programmabschnitte in der Größenordnung von 2 bis 3 Minuten abzuspeichern und wiederzugeben. Zunächst natürlich noch ohne Klangbearbeitungsmöglichkeiten, doch auch die werden maximal zwei Jahre auf sich warten lassen. Und dann..., ja dann, wird es der Digitaltechnik endgültig an den Kragen gehen, wenn man einmal von der Tatsache absieht, daß die derzeitig verfügbaren Protonenspeicher noch etwas temperaturempfindlich oberhalb von -8 Grad Celsius reagieren. Die Firmenvertreter von Cybertron legten jedoch klar, daß mit dem momentan noch in der Entwicklung befindlichen, virtuellen Trockeneis-Synchronizer ‘Arktus’ auch dieses Problem schnell in den Griff zu bekommen sei. Man rechnet etwa 2002 mit ersten zuverlässig arbeitenden Systemen, die die gewünschte Betriebstemperatur des Protonenspeichers mehr als eine halbe Stunde lang konstant halten können. Tja, und dann können Sie sich verabschieden von ihrer antiquierten Digitaltechnik, nach der, wenn wir ehrlich sind, doch schon längst kein Hahn mehr kräht. Und sind es nicht wir, die Profis der Audiotechnik, die mit streng nach vorne gerichtetem Blick bisweilen über unsere eigenen Füße fallen...?
Ausnahmsweise einmal nicht in diesem Sinne verabschiede ich mich von Ihnen für
das alte Jahr 1996 mit den üblichen, wiederum sehr ernst gemeinten Wünschen für Gesundheit, Liebe und Erfolg im nächsten Jahr, das uns voreilige Vorausschauen auf allerlei technologisch Ungares ersparen möge.
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